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Müde aber gut gelaunt stand ich am 10.12.2001 um 4:30 Uhr am Flughafen von Auckland. Bruder Raphael sollte 3 Tage später zu meinem Geburtstag in Christchurch eintreffen, da lagen also noch 1.000 km vor mir. Ein Flug kam für mich aus finanziellen Gründen nicht in Frage, also setzte ich mich in den Sattel und machte mich auf den Weg nach Süden. Der Trick war, mit einer Hand am Lenker und einer Hand mit ausgestrecktem Daumen auf der Straße zu fahren. Ich hatte selbst nicht daran geglaubt aber es funktionierte wirklich. Im Van, auf Pick-Ups, LKWs und Bussen erreichte ich Christchurch sogar schon nach 2 Tagen.
Raphael brachte Unmengen an Gepäck mit und war unsagbar müde. Er hatte, wie für ihn typisch, die letzte Zeit vor Abflug Tag und Nacht geplant und organisiert. Also radelten wir erstmal gemächlich über die Banks-Halbinsel nahe Christchurch, ehe wir ins Landesinnere aufbrachen. Unsere Fahrräder trugen jetzt zur Verzierung Eisäxte und Firnanker. Die Taschen waren mit Seil, Steigeisen, Klettergurten und -schuhen hoffnungslos überfüllt. Nach der Durchquerung der sprichwörtlich tellerflachen Canterbury Plains bestiegen wir die ersten Berge Neuseelands am Mt. Somers. Weihnachten und Silvester verbrachten wir bei ungewöhnlich sommerlichen Temperaturen und bisher nie dagewesener Stille.
Mitte Januar 2002 erreichten wir den Lake Wanaka im Zentrum der Südinsel und starteten von dort unsere erste Bergtour im Aspiring Nationalpark. Wir erreichen mit viel Glück den Oberen-Volta-Gletscher und besteigen von dort "Glacier Dom" (2.367m) und "Fastness Peak" (2.383m). Wenige Tage später standen wir dann auf dem Bonar-Gletscher und konnten den Anblick des Mt. Aspiring (3.030m) - das sogenannte Matterhorn des Südens - kaum fassen. Der Aufstieg über den Südwestgrat belohnte uns mit atemberaubenden Ausblicken über die Südlichen Alpen. Die Tage zwischen den Bergtouren entwickelten sich zu reinen Freßorgien. Mitte Februar standen wir am Fuß des Höchsten Berges Neuseelands, am Mt. Cook (3.760m). Der Aufstieg über den Grand-Plateau-Gletscher war auch nicht gerade einfacher aber mindestens genauso beeindruckend.
Nun saßen wir endlich wieder auf unseren Fahrrädern und bewegten uns langsam in Richtung Ostküste und Dunedin. Entlang der Küste folgten wir der Wildnis der Kathlins bis Invercargill, der südlichsten Stadt der Insel. Hier wurden wir herzlich von Betty und Jack aufgenommen, die wir zuvor auf ihrer Oldtimer-Ralley im Norden getroffen hatten. Jack zeigte uns stolz seine Autosammlung und die nahegelegene Rennstrecke bei Teretonga wo zu seiner Zeit schon Stewart und McLaren Rennen fuhren. Die grandiose Gastfreundschaft der beiden brachte uns wieder ein schlechtes Gewissen, weil wir kaum wussten, wie wir uns dafür revanchieren konnten. Am 26.03.2002 flogen wir über die Foveaux-Straße nach Stewart Island. Dort herrschte noch der Inbegriff der Wildnis - der größte Teil der Insel war nur zu Fuß erreichbar. 10 Tage lang schlugen wir uns durch den Dschungel und knietiefen Schlamm des grünen Paradieses.
Über Te Anau und Queenstown und nach einem kurzen Abstecher in den Milford Sound rollten wir hinab an die legendäre Westküste der Südinsel. Die Menge des Niederschlags überstieg hier alle Vorstellungen und dementsprechend reichhaltig war auch die Vegetation. Dennoch bot sich uns der fantastische Ausblick auf die Kette der Alpen, auf der wir noch vor 3 Monaten selbst gestanden hatten. Raphael hatte sich entschlossen, wieder in die Berge zurückzukehren und ich machte mich auf den Weg nach Norden, da meine Reisekasse inzwischen mehr als leer war.
Erst in Nelson bot sich mir die Möglichkeit, Arbeit zu finden. Ich ging einfach von Tür zu Tür, bis ich auf einen Deutschen stieß, der dringend nach einem Gehilfen suchte. Also montierte ich schon bald Türen und Treppe in einem neuen Blockhaus und übernahm schließlich für einen Monat die Leitung seines Betriebes. Dabei lernte ich auch Luciano kennen, bei dem ich anschließend als Fliesenleger anheuerte. Ich war nicht nur um viele Erfahrungen reicher geworden, sondern hatte auch viele neue Freunde gefunden. So war das schwerste wieder der Abschied, als ich nach 5 Monaten am 05.11.2002 zum letzten Mal durch Nelson rollte...
Viel Zeit blieb mir nicht, denn in wenigen Tagen sollte mein Flug nach Singapur gehen. Die Zeit in Nelson hatte mir neue Möglichkeiten eröffnet und ich träumte inzwischen von der Heimfahrt auf dem Landweg durch Asien. Die Nordinsel Neuseelands musste nun leider etwas zu kurz kommen. In Stratford traf ich mich mit Raphael, Christiane und Martina (Christiane hatte inzwischen ihre zweite Reise angetreten). Der Vulkankegel des Mt. Egmont war meine letzte Station, ehe ich nach Auckland zurückkehrte. Am 28.11.2002 verließ ich Neuseeland.
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